Caroline Heitz: Sie nimmt die «Deep-Time-Perspektive» ein

Caroline Heitz (mit Blick in die Kamera) und ihr Team bei einer Bohrlochuntersuchung am Ohridsee in Albanien im September 2026. Foto: AEGIS, Joe Roe
Caroline Heitz (mit Blick in die Kamera) und ihr Team bei einer Bohrlochuntersuchung am Ohridsee in Albanien im September 2026. Bild: AEGIS, Joe Roe

Seit 2026 ist der «Jahrhundertsommer 2003» aus klimatologischer Sicht überholt. Aus archäologischer Sicht ist er hingegen noch immer einmalig: Auf dem Schnidejoch im Berner Oberland legte das schmelzende Gletschereis damals erstmals zahlreiche prähistorische Objekte frei – vom Bogenfutteral aus Birkenrinde bis zur Ziegenlederhose. Einige davon gehören zu den ältesten erhaltenen Funden ihrer Art in den Alpen.

Caroline Heitz betrachtet solche Funde mit gemischten Gefühlen. Einerseits ermöglichen sie der Forschung einzigartige Einblicke in längst vergangene Lebenswelten – eine «Deep-Time-Perspektive» auf die Mensch-Umwelt-Geschichte, wie es die prähistorische Archäologin nennt. Andererseits zeigen sie, wie der Klimawandel die Spuren Jahrtausende alter Geschichte bedroht: «Wenn schmelzende Gletscher und austrocknende Gewässer derart alte Überreste freilegen, verfallen diese oft sehr rasch.»

Das Bogenfutteral vom Schnidejoch und dazugehörige Funde. Bild: Archäologischer Dienst des Kantons Bern/Roger Grisiger, Philippe Joner, and Badi Redha
Das Bogenfutteral vom Schnidejoch und dazugehörige Funde. Bild: Archäologischer Dienst des Kantons Bern/Roger Grisiger, Philippe Joner, and Badi Redha

Rückkehr ans OCCR

Bereits in ihrem Postdoktorat in der OCCR-Forschungsgruppe Prähistorische Archäologie unter Albert Hafner forschte Caroline Heitz an der Schnittstelle von Archäologie, Klima und Umwelt. Es folgten Forschungsaufenthalte in Oxford und Kiel. 2023 kehrte sie mit der Förderung ihres SNF-Ambizione-Projektes RISE ans OCCR zurück.

Nach der Emeritierung Albert Hafners übernahm sie Mitte 2025 die Lehrstuhlvertretung sowie ad interim die Leitung seiner Forschungsgruppe am OCCR. Gleichzeitig berief die Universitätsleitung sie zur Assistenzprofessorin mit Tenure Track für Prähistorische Archäologie mit Schwerpunkt Klima- und Feuchtbodenarchäologie am Institut für Archäologische Wissenschaften. Inzwischen hat Caroline Heitz ihre eigene OCCR-Gruppe gegründet: Klimaarchäologie.

Caroline Heitz bei einer Feldbegehung alpiner Wüstungen im Aletsch-Gebiet. Bild: IAW-PA, Renato Gisler
Caroline Heitz bei einer Feldbegehung alpiner Wüstungen im Aletsch-Gebiet. Bild: IAW-PA, Renato Gisler

«Kein Orchideenfach»

An der Prähistorischen Archäologie fasziniert Caroline Heitz insbesondere die enge interdisziplinäre Verflechtung. Die Zusammenarbeit mit anderen Forschungsrichtungen sei angesichts der komplexen Fragestellungen unabdingbar, sagt sie. Diese Haltung spiegeln auch ihre aktuellen Projekte wider:

RISE – Climate change resilience and vulnerabilities of Bronze Age waterfront communities (2200-800 BC): Das SNF-Ambizione-Projekt untersucht bronzezeitliche Pfahlbausiedlungen im nördlichen und südlichen Alpenvorland, unter anderem am Thunersee. Im Zentrum steht die Frage, wie Hochwasserereignisse und Schwankungen des Seespiegels während rascher Vorstösse und Rückzüge von Gletschern die Siedlungslandschaft beeinflussten. RISE läuft seit 2023 und verbindet die Expertise dreier OCCR-Forschungsgruppen: Klimaarchäologie, Paläoökologie, sowie Seesedimente und Paläolimnologie.

Past2Future – Towards fully paleo-informed future climate projections: Das Projekt ist ein Konsortium der Universität Bern mit 24 weiteren europäischen Institutionen im Rahmen des EU-Programms Horizon Europe. Vom OCCR arbeiten die Forschungsgruppen Klimaarchäologie, Modellierung globaler biogeochemischer Kreisläufe und Erdsystemmodellierung – Atmosphärische Dynamik am Projekt mit. «Die prähistorischen Pfahlbauten bieten dank ihrer exakten Datierung mittels Dendrochronologie die einzigartige Möglichkeit regionale Auswirkungen des Klimas über tausende von Jahren zeitlich hochauflösend zu untersuchen», erläutert Caroline Heitz.

Drohnenfoto der Fundstelle einer neolithischen Seeufersiedlung am Ohridsee, Albanien, während der Feldkampagne im September 2026. Bild: Caroline Heitz
Drohnenfoto der Fundstelle einer neolithischen Seeufersiedlung am Ohridsee, Albanien, während der Feldkampagne im September 2026. Bild: Caroline Heitz

Prähistorische Archäologie sei «kein Orchideenfach», betont die Leiterin der neuen Forschungsgruppe. «Vielmehr helfen uns Projekte wie RISE und Past2Future zu verstehen, wie Menschen in der fernen Vergangenheit mit klimatischen Veränderungen umgingen. Daraus können wir wichtige Erkenntnisse für eine Zukunft ableiten, die zunehmend vom menschengemachten Klimawandel geprägt sein wird.»

Caroline Heitz hat ihre eigene Forschungsgruppe gegründet: Klimaarchäologie. Bild: Manuel Castellote
Caroline Heitz hat ihre eigene Forschungsgruppe gegründet: Klimaarchäologie. Bild: Manuel Castellote

Drei neue OCCR-Forschungsgruppe lanciert

Das OCCR Board hat die Gründung dreier neuer Forschungsgruppen genehmigt. Die Gruppen werden geleitet von

  • Caroline Heitz, siehe oben
  • Quynh Nguyen, Professorin für Umweltpolitik und globale Entwicklung an der Wyss Academy for Nature
  • Rubén D. Manzanedo, ERC-Assistenzprofessor am Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern. Rubén leitet das Forest Ecology Lab

Weitere Informationen Rubéns und Quynhs Forschungsgruppen folgen in Kürze.