Der über den Tellerrand blickt

Eric Strobl ist frischgebackener Professor für Klima- und Umweltökonomik an der Universität Bern. Dass er in dieser Funktion mit Naturwissenschaftlern zusammenarbeitet, ist für ihn selbstverständlich.

Kann ein Ökonom seinen Forschungsgegenstand in einem Bilderbuch finden? Ja – vorausgesetzt, er ist ein so offener Geist wie Eric Strobl. Zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere bekam dieser ein Kinderbuch in die Hand. Darin wurde von Afrika erzählt. Und von den Dürren, die für die Not vieler Menschen verantwortlich seien. Da machte es beim jungen Forscher Click, und er dachte sich: Das wäre doch ein Thema!

Bis anhin, so wusste er, waren Armut und Entwicklungsstillstand in Afrika von seinen Berufskollegen folgendermassen erklärt worden: Es war ein grosser Fehler, durch die koloniale Grenzziehung Ethnien wild zusammenzuwürfeln. Deswegen sieht sich Afrika, noch in den 1950er Jahren als «Kontinent der Zukunft» gepriesen, nun mit ethnischen Konflikten und wirtschaftlichem Niedergang konfrontiert. Eine allzu eindimensionale Erklärung, wie Eric Strobl realisierte: «Es dauerte nicht lange, bis ich herausgefunden hatte, dass die rückläufigen wirtschaftlichen Wachstumsraten parallel zu jenen des abnehmenden Niederschlags verliefen.»

Klimafolgen aus eigener Anschauung

So frei heraus wie Eric Strobl über seine Anfänge als Klima- und Umweltökonom spricht, so unumwunden erzählt er von seinen im Zick-Zack verlaufenen Werdegang. Aufgewachsenen ist er als Sohn einer Krankenschwester und eines Ingenieurs in Deutschland und in den USA. Dort lernte er das im Vergleich zu Europa weniger auf Fachwissen fokussierte Bildungssystem schätzen – zumindest rückblickend. Während des Bachelor-Studiums an der Pennsylvania State University musste der VWL-Student die Hälfte der Veranstaltungen in Fächern wie Kunst und Literatur belegen. «Das hat wohl mein Interesse an interdisziplinärem Forschen geweckt.»

Nach einem Abstecher ins deutsche Konstanz, wo er sich in Jura versuchte, machte Strobl seinen Master-Abschluss schliesslich doch in Volkswirtschaft und zwar an der amerikanischen Georgetown University. Danach folgte eine Dissertation am Trinity College in Dublin mit dem Titel «Essays on Labour Market Dynamics in Ireland». Ein Thema, so räumt Strobl ein, mit dem er sich vor allem der bezahlten Doktorandenstelle wegen auseinander gesetzt habe. Danach verschlug es ihn in die Karibik. Ein Lehrauftrag an der University of the West Indies in Trinidad und Tobago. Dort wurde er zum ersten Mal mit den Folgen von Hurrikanen konfrontiert, die sich später zu einem seiner Forschungsinteressen entwickeln sollten. Er kam mit Studenten in Kontakt, deren Familien durch die Naturkatastrophen ihr ganzes Hab und Gut verloren hatten.

Eine Karriere in der Wirtschaft hat Eric Strobl nie in Betracht gezogen. «Was mich interessierte, war immer die Forschung. Ich habe das auch nie als richtige Arbeit gesehen. Das kam ganz natürlich –  ich wollte einfach immer weiterforschen.» Doch dazu war die Karibik der falsche Ort. 1999 gab es auf dem Campus in St. Augustine nicht einmal Internet. Deshalb kam Strobl mit einem Marie Curie Stipendium versehen zurück nach Europa. An der Université catholique von Louvain in Belgien konnte er zum ersten Mal wählen, was genau er tun wollte. Und nach seinem Aha-Erlebnis mit dem Bilderbuch verfasste er erste Publikationen zu den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels.

Bern ist offen für interdisziplinäre Zusammenarbeit

Nun ist Strobl nach Abstechern als Lehrbeauftragter und ausserordentlicher Professor an verschiedenen französischen Hochschulen an der Universität Bern gelandet, wo er seit Anfang Oktober die neugeschaffene Stiftungsprofessur für Klima- und Umweltökonomik besetzt. Eine Stelle, auf der eng mit dem OCCR zusammenarbeiten wird. Sein Interesse an Bern geweckt, so erklärt er, habe «die grosse Offenheit» in der Zusammenarbeit über die Fachgrenzen hinweg: «Die meisten interdisziplinären Institutionen funktionieren nicht sehr gut. Am Oeschger-Zentrum hingegen spricht man nicht nur von Interdisziplinarität, und man verfolgt meiner Meinung nach die genau richtigen Visionen.»

Interdisziplinäres Arbeiten bedeutet für Strobl zum Beispiel bei seinen Modellierungen ökonomische mit naturwissenschaftlichen Daten zu kombinieren. Aufwändig sei das, sagt er, und man käme nicht darum herum, sich in die fremde Materie reinzuknien. Eine Anstrengung, die manche seiner Kollegen scheuten. «Ich werfe den Ökonomen deshalb auch vor, häufig mit allzu vereinfachten Klimadaten zu arbeiten.»

Der frischgewählte Berner Professor hingegen geht bei der Datenerhebung manchmal weite Umwege. So stützt er sich, um die Wirtschaftskraft einer Region abzuschätzen, auf Nachtaufnahmen von Satelliten ab. Die Konzentration von Lichtern steht dabei stellvertretend für ökonomischen Aktivitäten. Zum Einsatz kommt diese Methode bei einem von Strobls aktuellen Forschungsschwerpunkten. Er untersucht die regionalen Auswirkungen von Naturkatastrophen, die innerhalb eines Landes sehr unterschiedlich ausfallen können. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt bei länderübergreifenden Versicherungssystemen gegen Naturrisiken. Er will Fragen beantworten wie: Wo liegen die Vorteile solcher Systeme? Wie berechnet man die Prämien? Oder: Wie lassen sich diese Systeme modellieren?

Forschung, die etwas bewegt

Eric Strobl ist überzeugt davon, dass der interdisziplinären Forschung, so wie sie das Oeschger-Zentrum fördert, die Zukunft gehört. In den USA zeichne sich dies bereits ab, dort seien beispielsweise bei Versicherungen zunehmend Mitarbeitende gefragt, die sowohl über einen ökonomischen, statistischen wie naturwissenschaftlichen Hintergrund verfügten.

Lange war interdisziplinäres Forschen dem akademischen Fortkommen nicht eben förderlich. Sind diese Zeiten vorbei? Eher nicht. «Mir haben meine breiten Interessen tatsächlich geschadet», sagt Eric Strobl. «An der Ecole Polytechnique in Frankreich, wo ich Assistenzprofessor war, sagte man mir, ich solle interdisziplinäre Arbeiten doch besser als Hobby betreiben, das schade sonst meiner Karriere.» Der Klimaökonom nahm sich den Ratschlag offensichtlich nicht zu Herzen und ging seinen eigenen Weg. «Mir ist es wichtig, Dinge zu tun, die mich interessieren und die eine Dringlichkeit haben.»